Die große GEMA-Reform: eine persönliche Einordnung
von Tobias Kassung, Komponist, klassischer Gitarrist
Nachdem im vergangenen Jahr der Antrag von GEMA-Aufsichtsrat und -Vorstand zu einer umfassenden Reform des Fördersystems noch an der erforderlichen Mehrheit in der Mitgliederversammlung scheiterte, gelang es nun im zweiten Anlauf. Bei der diesjährigen Jahreshauptversammlung der GEMA vom 6. bis 7. Mai 2026 in Berlin, wurde die Neuausrichtung der Kulturförderung beschlossen.
Ob diese Reform nun gut oder schlecht für die Komponistinnen und Komponisten in der GEMA ist, dazu gibt es auch nach der Verabschiedung unterschiedliche Ansichten. Ganz sicher ist diese Reform aber hochkomplex. Ihre Auswirkungen auf die gesamte Musikwelt in Deutschland werden deutlich spürbar sein und die Weichen für die Zukunft in eine bestimmte Richtung lenken. Wenige bisher erschienene journalistische Beiträge werden dieser Komplexität und den Auswirkungen gerecht. Ganz zu Schweigen von arg verkürzten Socialmedia-Beiträgen, die sich auf das –überfällige – Aufheben der Unterscheidung zwischen E- und U-Musik beschränken. Ein gründliches Durchdringen der Materie ist aber auch alles andere als leicht. Mit diesem persönlichen Beitrag möchte ich etwas zur Erhellung des Themas beitragen. Als Komponist mit dem Schwerpunkt E-Musik betrifft mich diese Reform persönlich sehr. Entsprechend habe ich versucht, mich umfassend zu informieren und war vor Ort in Berlin, um an der Debatte teilzunehmen und von meinem Stimmrecht als ordentliches Mitglied der GEMA Gebrauch zu machen.
Hauptauslöser für dieses Reformvorhaben war laut GEMA eine enorme Schieflage bei der Förderung der sogenannten E-Musik. Über die GEMA-interne Aufteilung der Musik in U (Unterhaltungsmusik) und E (Ernste Musik) wurde schon genug und ausführlich an vielen Stellen geschrieben. Dass diese Aufteilung den heutigen, zahlreichen Genres innerhalb der Musik, mit ihren vielfältigen Überschneidungen, in keiner Weise mehr gerecht wird, das ist zum Glück Konsens – auch bei den allermeisten GEMA-Mitgliedern. Und dieser Konsens wurde auch auf der Mitgliederversammlung dieses Jahr deutlich. Im Gegensatz zum letztem Jahr begegneten sich die Vertreter von U- und E-Musik – bis auf wenige Ausnahmen – in der Debatte mit Respekt und gegenseitiger Annerkennung, sowie mit dem Bekenntnis zur gemeinsamen Solidarität aller Musikgenres innerhalb der GEMA.
Ebenso Konsens war und ist auch, dass jede nicht kommerzielle und nicht massentaugliche Musik, die sich oft in kleinen Nischen bewegt und die künstlerisch anspruchsvoll ist, dass diese Musik eine besondere Förderung durch die GEMA auch weiterhin erhalten muss.
Hier war vor allem das klare Bekenntnis der GEMA zu einer Beibehaltung der derzeitigen gesamten Förderhöhe aus allen Inkassomitteln ein entscheidendes Signal an die Mitglieder. Diese Klarheit hatten die GEMA-Mitglieder noch im letzten Jahr vermisst und es ist zu hoffen, dass auch in Zukunft nicht an diesem allgemeinen Fördersatz gerüttelt wird. Diese Reform darf nicht der Einstieg in ein Abschmelzen des allgemeinen Fördersatzes werden!
Nun wird aber die Reform der Musikförderung diese Gesamtsumme auf eine grundsätzlich sehr andere Art und Weise aufteilen und das wird vor allem zu Lasten der bisherigen E-Komponist:innen geschehen. Bisher flossen 70% in den U-Bereich und 30% in die Förderung der E-Musik. In Zukunft sollen die 70% zwar allen Genres offen stehen, die feste Förderung der E-Musik mit 30% soll aber nur noch 10% betragen und dieser Bereich wird umbenannt in CCL (Contemporary Classic live). Sie ist dann nur noch 1/3 eines dreiteiligen „Förderfokusses” der allen Genres offen stehen wird. Auch die Förderlogik wird geändert, so dass die eingespielten Gelder in live-Aufführungen entscheidender werden und nicht mehr eine Einstufung bzw. Bewertung des Werkes oder des Schaffens der Komponist:innen. Für Musikschaffende aus diesem Bereich kann das also einen Verlust von bis zu 2/3 bedeuten – durchaus existenzbedrohende Ausmaße. Doch auch hier ist ein genauer Blick notwendig:
Die bisherige Förderung der E-Musik hatte zwei Säulen: zum einen wurden die in Konzerten gespielten Werke nicht wie im U-Bereich nach Minuten und der Höhe der zuvor an die GEMA gezahlten Gebühr abgerechnet, sondern erhielten je nach ihrer Besetzungsart und Werkform sozusagen einen „festen Preis”. Vor allem Aufführungen in kleineren, kammermusikalischen Rahmen oder bei Hochschulkonzerten profitierten davon.
In einer zweiten Säule wurden dann Punkte für die erfolgten Aufführungen vergeben und der sogenannte Werkausschuss – eine Art Jury – vergab für jede Komponistin und Komponisten eine „Wertung“. Dies waren weitere Punkte, ergänzt durch jeweils einen Punkt pro Mitgliedsjahr. Mit diesen Punkten folgte dann eine Einstufung, mit der die Höhe der jährlichen Förderung im Bereich der E-Wertung festgeschrieben wurde. Gerade dieses E-Wertungsverfahren führte dazu, dass Komponierende die sowohl älter als auch vom Werkausschuss in ihrem Gesamtschaffen sehr hoch bewertet wurden, teils hohe Summen einnehmen konnten. Einige Zahlenbeispiele hierzu hatte die GEMA im Vorfeld veröffentlicht, siehe unten stehende Links.
Der Wunsch war nun, einerseits den Nachwuchs stärker an dieser Förderung zu beteiligen und andereseits die teilweise sehr hohen Beträge in der Spitze zu kürzen.
Ein zweites Anliegen war, den Kreis der Komponierenden in diesem Bereich zu öffnen und für alle Genres der Kunstmusik (also einer Musik abseits des rein Kommerziellen) zu öffnen. Denn die bisherige Praxis in der E-Musik-Wertung war extrem eng auf einen Begriff der Neuen Musik gefasst und bezog sogar schon nicht einmal mehr weitere Bereiche wie z.B. traditionellere Schreibsstile der Klassik oder komplexe Jazzkompositionen ein.
Interessanterweise gab es genau zu diesem Punkt einen sehr gut ausgearbeiteten Antrag aus der Mitgliedschaft zu einer Öffnung der E-Musik in einen weiten Bereich von Genres, bei Beibehaltung der bisherigen Förderpraxis im E-Bereich. Ich fand es bedauerlich, dass dieser Antrag nicht tiefer erörtert wurde und nicht als sehr ernstzunehmende Alternative zur Reform näher ins Auge gefasst wurde.
Statt dessen blieb es bei einer umfangreichen Diskussion über den Antrag des GEMA-Aufsichtsrates und -Vorstands. Einige Kritikpunkte wurden hier seit dem vergangenen Jahr tatsächlich auch aufgenommen und eingearbeitet. Andere gute Vorschläge im Vorfeld blieben aber meiner Meinung nach bis zum Schluss auf der Strecke. Zum Beispiel eine Deckelung auch bei den Förderungen der Topverdiener im Bereich U. Hier gibt es in der Spitze ganz enorme Aussschüttungen die man auch hätte zurückfahren können um damit wieder mehr Geld für eine Förderung im Nachwuchs und im mittleren Bereich zur Verfügung zu stellen. Vor allem auch für die Abfederung von Härtefällen im E-Bereich, die es jetzt ja leider sicher geben wird. Doch die o.g. 70% der Gesamtförderung für den U-Bereich bleiben de facto unangetastet.
Auch eine Anpassung und Reduzierung der Lizenzgebühren für Konzerte im E-Bereich wurde überhaupt nicht angesprochen, obwohl dies doch auch ein Kern des Problems bei Aufführungen mit E-Musik ist. Eine klassisches Kammermusikkonzert in einem Saal mit 150 Sitzplätzen und 28,- Euro Ticketpreisen kostet den Veranstalter aktuell 878,31. Vorausgegsetzt er kann keine Ermäßigungen im Sinne von Reihenvergünstigungen oder Härtefallregelung in Anspruch nehmen. Natürlich ist diese Summe viel zu hoch gegriffen, sie übertrifft bei weitem die Gage der beteiligten MusikerInnen. Mit einer hohen Förderung der E-Musik hat sich diese extrem hohe Gebühr bisher zumindest teilweise legitimieren lassen. Mit der jetzigen Reform der Förderung verlieren solch hohe Gebührensätze in diesen kleinen Nischenumfeldern meiner Meinung nach ihre Berechtigung und müssen korrigiert werden. Sie werden aber nicht geändert, sondern erhalten nur einen neuen Namen, statt Tarif-E in Zukunft Tarif-CCL.
Positiv war, dass schließlich der GEMA-Aufsichtsrat noch mit kurzfristigen Änderungen zwei Tage zuvor auf sehr wichtige Forderungen aus dem E-Bereich eingegangen ist. So wird es in Zukunft weiter einen „festen Preis“ für Konzerte in kleinem Rahmen mit einem Inkasso bis 250,- Euro geben. Eine gute Nachicht vor allem für die Aufführungen im Hochschulbereich, bei kleinen Veranstaltern, Chören und für vielen anderen. Und ein zweiter, wichtiger Kompromiss: die zukünftige Förderkomisssion (die Nachfolgerin des Wertungsausschusses) wird nicht – wie ursprünglich eingebracht – vom Auffsichtsrat bestimmt, sondern von der Mitgliederversammlung demokratisch gewählt werden. Diese Förderkommision soll dann in Zukunft ihre Förderentscheidungen mit der Hilfe eines computererstellten „Scores“ treffen. Eine Software soll dann Struktur und Komplexitität von Werken anhand von Soundfiles, Partituren aber auch Textquellen aus dem Netz einordnen. Schon jetzt kommen die Mitarbeitenden der GEMA gar nicht mehr der Vielzahl von zu bewertenden Musikstücken hinterher. Die Bearbeitungszeit dauert oft mehrere Jahre, wie eine Anfrage im Plenum der Hauptversammlung deutlich machte. Das ist natürlich unhaltbar und da die Anzahl der zu bewertenden Stücke mit der Öffnung der Förderung für alle Genres sehr stark steigen wird, ist dies dann tatsächlich nur noch softwaregestützt umsetzbar. Ob die Software dann aber auch wirklich die Komplexität künstlerisch anspruchsvoller Werke sicher einordnen kann, das bleibt mir eine große Sorge und das muss sehr wachsam vom künftigen Förderausschuss begleitet werden. So ist es mir z.B. ein absolutes Rätsel, wie eine Software spieltechnische Schwierigkeiten – die ja bei jedem Instrument für identische Passagen ganz unterschiedlich ausfallen können – beurteilen kann. Dafür braucht es den Verstand und das „Fingergefühl“ erfahrener Interpreten.
In der sich lange hinziehenden Diskussion bei der Versammlung der Komponisten am 6. Mai gab es erfreulicherweise, im Gegensatz zum letzten Jahr, einen respektvollen Umgang der mehreren Umständen geschuldet war:
- der E-Bereich konnte mit den o.g. kurzfristigen Änderungen des Aufsichtrates noch substantielle Verbesserungen erreichen
- auch im E-Bereich wurde die Dringlichkeit spürbar, wie wichtig es für eine solidarische GEMA ist, die Förderung für alle Genres zu öffnen bzw. möglich zu machen
- im U-Bereich wurde auch Respekt dafür deutlich gemacht, dass die E-Komponierenden auf einen großen Teil zukünftiger Einnahmen verzichten, um damit diesen Solidargedanken und die Gleichbehandlung der Genres zu unterstützen.
Es gibt noch sehr viele weitere Einzelheiten die ich hier ansprechen sollte, doch würde dies den Rahmen dieses Blogbeitrages deutlich sprengen. Weiterführende Links habe ich unten aufgeführt.
Festzuhalten ist, dass mit dieser beschlossenen Reform durchaus ein sinnvoller Schritt in Richtung Zukunftsfestigkeit und größerer Gerechtigkeit bei der Förderung aller Musikgenres (Teilkulturen) erreicht werden kann. Dies kann die GEMA als Solidargemeinschaft nachhaltig festigen und das allein ist in diesen stürmischen Zeiten – wo durch KI-Musik ein wirklicher Tsunamie auf uns Komponierende zurollt – ein ganz wichtiges Signal.
Gleichzeitig muss es auch in Zukunft möglich sein, mit durchaus schwierigen Nischenkompositionen ein Auskommen zu erziehlen. Sicher werden die Komponierenden in diesem Bereich zukünftig mehr im Blick haben müssen, ob und wie ihre Werke auch nachhaltig und wiederholt aufgeführt werden können. Keine leichte Aufgabe angesichts der immer geringer werden Mitteln für Veranstalter in diesem Bereich und auch der immer geringer werdenen Akzeptanz gegenüber außergewöhnlichen und schwerer zugänglichen Formaten. Hier wird die musikalische Bildung unserer Kindern einen ganz entscheidenden Punkt bilden: die Kunstmusik wird in Zukunft nur eine Chance haben, wenn es uns auch gelingt, die Kinder und Jugendlichen durch solide musikalische Bildung neugierig zu machen auf Neues, auf Komplexes, auf Andersartiges. Gelingt uns das, dann wird nicht nur die Kunstmusik weiter leben können, sondern dann leisten wir auch einen enormen Beitrag für eine wache, kritische, tolerante und resiliente neue Generation. Einer Generation die den Herausvorderungen der Zukunft damit deutlich besser gewachsen sein wird.
Die beschlossene Reform wird nicht schlagartig eingeführt werden, sondern wird sich, um Härten abzufeder langsam über drei Jahre aufbauen. Ich hätte mir hier, auf Grund der wirklich sehr einschneidenden Kürzungen im E-Bereich, einen noch langsameren Prozess über fünf Jahre gewünscht. Auch diese mehrmals genannte Forderung ist leider nicht mit eingeflossen.
Damit die E-Musik Komponierenden nicht in Zukunft komplett aus der GEMA ausgeschlossen werden, braucht es zudem dringend eine Herabsetzung des sogenannten Mindestaufkommen was für eine ordentliche Mitgliedschaft in der GEMA Voraussetzung ist. Wird diese Grenze von zur Zeit 20.000,- Euro Einkommen (verteilt auf fünf Jahre) nicht deutlich herabgesetzt, dann werden Nachwuchskomponist:innen aus dem E-Bereich (in Zukunft CCL) künftig wenig Chancen haben, sich an der demokratischen Entscheidungfindung in der GEMA zu beteiligen.
Noch funktioniert diese demokratische Entscheidungsfindung und der respektvolle Umgang fast aller Mitglieder miteinander hat mich sehr positiv gestimmt, dass die GEMA resilient und geschlossen in die Auseinandersetzung mit den großen Zukunftsaufgaben gehen kann. In der Debatte auch sehr positiv aufgefallen ist mit der Aufsichtsrat und besonders sein Vorsitzender Ralf Weigand. Die Ruhe, Übersicht und das Einfühlungsvermögen mit der er diesen dreitägigen Sitzungsmarathon leitete, waren beeindruckend und trugen maßgeblich zu der guten Debatte und einer positiven Abstimmung bei. Ich hatte aber auch den Eindruck, dass sowohl Aufsichtsrat wie auch Vorstand der GEMA von dieser Debatte und ihrem verunglückten ersten Versuch im letzten Jahr vieles mitgenommen haben. Es wurde klar, dass nur Offenheit und Transparenz die Mitglieder mitnehmen kann. Wer dies gibt und die Notwendigkeiten von Entscheidungen klar benennen und erklären kann – ohne in typische Werbe- oder Juristenfloskeln zu verfallen – der kann seine Mitglieder auch bei schwierigen und einschneidenden Reformen mitnehmen.
Tobias Kassung ist Komponist und klassischer Gitarrist. Er leitet des Kölner Klassik Ensemble und ist künstlerischer Leiter der kammerkonzerte.koeln im Humboldt-Saal.
Weitere Links zum Thema auf der GEMA-Seite:
https://www.gema.de/de/w/mitgliederversammlung-2026
https://www.gema.de/de/musikurheber/tantiemen/neue-gema-kulturfoerderung/zentrale-zahlen-und-aspekte