„Unermessliche Schätze“ - Egbert Hiller stellt ein neues, in Köln entstandenes Handbuch zur Alten Musik vor

„Alte Musik heute“ im Fokus

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07. März 2025

Dieses Buch hat Gewicht. Über 400 Seiten über Alte Musik – das könnte abschreckend wirken, der Inhalt ist aber exzellent aufbereitet, gut leserlich und für Laien und Profis gleichermaßen von höchstem Informationswert. Der Titel der Publikation „Alte Musik heute“ ist so schlicht wie stichhaltig. Niemand will, gerade in Zeiten von Wandel und Umbrüchen, alt sein, geschweige denn alt aussehen. Zumal die Alte Musik sich immer wieder neu erfindet – und so ist „Alte Musik heute“ auf einen Status quo konzentriert, der das Resultat rasanter Entwicklungen ist, die längst nicht abgeschlossen, sondern mehr im Fluss sind denn je. 
Im Format eines Handbuchs die verschiedenen Strömungen, Prozesse und Institutionen samt ihrer markantesten und wichtigsten Persönlichkeiten zu sortieren, vorzustellen und auszuleuchten, setzt fundierte Kenntnisse, ein untrügliches Gespür für Wesentliches, historisch Bedeutsames und Zukunftsweisendes und nicht zuletzt Mut voraus – auch Mut zur Lücke, denn dass trotz des erheblichen Umfangs nicht alle Facetten des Alte-Musik-Lebens gebührend zur Geltung kommen können, liegt auf der Hand. 
Ermöglicht wurde dieses Buchprojekt durch den Zusammenschluss von vier maßgeblichen Kölner Institutionen anlässlich ihrer jeweiligen Jubiläen: das 25-jährige Bestehen des Forums Alte Musik Köln, das 70-jährige Bestehen der Redaktion Alte Musik im WDR sowie das 10-jährige Bestehen des Zentrums für Alte Musik Köln (zamus) und des Instituts für Alte Musik an der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Gelohnt hat sich das Unterfangen allemal, ja, eine derartige Publikation war überfällig, zeigt sie doch eindringlich auf, wie aktiv und lebendig die Alte-Musik-Szene – nicht nur in Köln – heute ist. 

Von „alt aussehen“ kann jedenfalls keine Rede sein. Auch wenn die Musik, um die es geht, zweifellos sehr alt ist, erscheint sie im Zugriff jenes inzwischen großen Kreises an Interpret:innen, die an der historischen bzw. historisch informierten Aufführungspraxis geschult sind, oftmals frischer und jünger als der teils in erstarrten Konventionen verharrende „Klassik“-Betrieb – und erst recht als so manche vermeintlich zeitgenössische Position, die, statt zu forschen und nach vorne zu schauen, aus Bequemlichkeit oder kommerziellen Erwägungen einem neoromantischen Epigonentum frönt. Geforscht und nach vorne geschaut wird in der Alte-Musik-Szene dagegen auf breiter Front – und „Alte Musik heute“ gewährt spannende Einblicke in diese Szene und reflektiert aktuelle Probleme, Tendenzen und Fragestellungen. 

 

„Originalität, Extravaganz und Unverwechselbarkeit“ 

Schon in Kapitel I – „Interpretationsgeschichte“ – der sinnvoll und kleinteilig gegliederten Publikation werden zentrale Aspekte rund um die historisch informierte Aufführungspraxis angesprochen; verbunden mit der grundlegenden Erkenntnis, dass ein bestimmter Zeitstil von den eben in dieser Zeit virulenten gesellschaftlich-soziologischen Dimensionen nicht zu trennen ist. Längst hat die historische Aufführungspraxis selbst eine Historie; sie verändert sich, wie der Herausgeber und WDR-Redakteur Richard Lorber in seinem Aufsatz „Zeitgeist und Zeitstil“ bemerkt, indem sie sich von ihren eigenen strengen Regeln und von den Errungenschaften der Gründerväter und -mütter emanzipiert, sowie vor dem Hintergrund eines sich stets modifizierenden Verständnisses von Originalität und gesteigerter interpretatorischer Virtuosität. Auch aus dem Wissen heraus, trotz akribischem Quellenstudium die Aufführungsbedingungen und vor allem das „Lebensgefühl“ früherer Epochen nicht präzise nachvollziehen oder gar nacherleben zu können, erfolgte die Umbenennung der „historischen“ Aufführungspraxis in – nun bescheidener – „historisch informierte“ Aufführungspraxis, kurz HIP (historically informed performance). 
Ganz durchsetzen konnte sich diese Umbenennung zwar bislang nicht; es ist aber weitgehend Konsens, dass Authentizität durchaus eine Zielvorstellung sein und bleiben darf, die Wege, die zu ihr zu führen versprechen, gleichwohl sehr verschieden ausfallen können. Mit dazu bei trägt das Streben nach einem eigenen Stil, nach unverwechselbarem Profil, nach Alleinstellungsmerkmalen hinsichtlich Klanglichkeit und Repertoire-Bildung, das von wachsendem Konkurrenzdruck beflügelt wird. Richard Lorber konstatiert: „Originalität, Extravaganz und Unverwechselbarkeit sind also die Merkmale des heutigen Zeitstils der Historischen Aufführungspraxis auf der dramaturgischen Seite wie auf der rein musikalischen. Sie werden zudem verstärkt durch diejenigen, die den Betrieb finanzieren, indem Förderkriterien öffentlicher und privater Institutionen mehr und mehr insbesondere auf die ethischen, sozialen und politischen Ansätze abheben.“ 
Diese Schwerpunktverschiebung mag von Seiten der Förderer gut gemeint sein, kann jedoch letztlich zu Einengung und Bevormundung der Künstler:innen führen, was auf dem Feld der zeitgenössischen Musik mit dem „Netzwerk Neue Musik“ (2007-2012), das das Andocken von Vermittlungsprojekten zur Bedingung für Förderung machte, zu beobachten war. 

 

Selbstkritischer Blick auf die Quellen

Einen überzeugenden Überblick über die „Geschichte der Aufführungspraxis Alter Musik“ gibt Dieter Gutknecht in Zusammenarbeit mit Kai Hinrich Müller, während Bernd Heyder das aktuelle Alte-Musik-Leben anhand des „Forum Alte Musik Köln“ beleuchtet, das zum „Spiegelbild einer lebendigen Szene“ gerät. Wie weit sich die Akteur:innen der Alten Musik mit ihrem Anspruch einer historisch informierten Aufführungspraxis in der Musikgeschichte inzwischen vorgearbeitet haben, lässt sich an dem Projekt „Wagner-Lesarten“ von Concerto Köln mit dem Dirigenten Kent Nagano ablesen. Auch Thomas Synofzik unterstreicht in „Alte Musik nach 1750“, dass es unvermeidlich war, dass „das Repertoire nach 1750 von den Bemühungen um eine historisierende Aufführungsweise erfasst wurde. Denn gerade im zentralen Punkt des Instrumentariums waren viele der wesentlichen klanglichen Veränderungen nicht um 1800, sondern zum Teil erst nach 1900 erfolgt.“
Den ästhetisch-interpretatorischen Wandel am Beispiel eines berühmten Werks, an Johann Sebastian Bachs „Brandenburgischen Konzerten“, zu verfolgen, leistet Martin Elste exemplarisch, und Sabine Radermacher widmet sich der „Renaissance der Barockoper“, wobei sie nach der Darlegung historischer Voraussetzungen auch den Zwiespalt, dem aktuelle künstlerische Zugriffe im Spannungsfeld aus historisierenden und „modernen“ Herangehensweisen unterworfen sind, schlüssig thematisiert. Porträts der wichtigsten Komponisten und anderer Protagonisten dieser Epoche ergänzen ihre Betrachtungen sinnfällig. Auch beißender Humor hat darin seinen Platz, auf den Punkt gebracht in einem Zitat von Benedetto Marcello, der den Intendanten um 1720 empfahl, „billige Sänger und Mädchen zu engagieren“, die „eher hübsch als virtuos sein“ sollten, „damit sie viele Gönner haben“; „er selbst brauche gar keine Ahnung vom Theateralltag zu haben“. 
Arnold Jacobshagen untersucht vielschichtig das Phänomen Countertenor, das in der Alten, aber auch in der Neuen Musik relevant ist. Sehr aufschlussreich ist ebenfalls Bernhard Schrammeks Beitrag über „Besetzungen und Ensemblegrößen in der Barockmusik“, der mit grundsätzlichen Einlassungen zum komplexen Verhältnis zwischen Werk und Interpretation schließt: „Betrachte ich als heutiger Interpret eine Komposition vergangener Epochen wie ein wertvolles Buch, das ich nur ausgeliehen habe und folglich sorgsam behandeln muss, oder doch eher wie eine von Tausenden Kopien, die jetzt mein Eigentum ist und mit der ich machen kann, was ich will. Das Für und Wider zwischen diesen Positionen wird auch die künftige Beschäftigung mit den unermesslichen Schätzen der Alten Musik prägen – ein prüfender und zuweilen auch selbstkritischer Blick auf die Quellen sollte dabei aber möglichst am Anfang der Bemühungen stehen.“ 

 

Lust und Neugier stimulieren

Entscheidend zum Gelingen dieser Publikation trug ganz selbstverständlich das breite Spektrum an versierten Autor:innen bei – die geglückte Mischung zwischen Theoretiker:innen bzw. Musikwissenschaftler:innen und praktizierenden Musiker:innen sowie jenen, und das sind einige, die in Personalunion beide Sphären repräsentieren; denn es ist zumal in der Alten Musik gang und gäbe, dass die Musiker:innen bezüglich ihres Repertoires und darüber hinaus selbst Forschungsarbeit leisten. Beispielhaft dafür steht etwa der Flötist Norbert Rodenkirchen, der in mittelalterliche Gefilde ebenso eintaucht wie in Neue Musik und Improvisation. Seine „Werkstattberichte“ zum „musikalischen Fragment als kreative Herausforderung“ enthalten kluge „Gedanken zur Aufführungspraxis mittelalterlicher Musik im 21. Jahrhundert“, die Lust und Neugier auf das Hören nachhaltig stimulieren. 

Wesentliche Perspektiven auf die Alte Musik und ihre Entwicklungszüge eröffnet auch Kapitel III „Historische Instrumente heute: Annäherungen aus der Praxis“. Umfassende Recherchen geben Aufschluss über Geschichte, Gebrauch und bauliche Veränderungen von Cembalo, Fortepiano, Holz-, Blechblas- und Saiteninstrumenten und deren Besonderheiten und Potenzialen im Musikleben der Gegenwart. „Die alte Musik ist erwachsen geworden“, diese einleitenden Worte von Richard Gwilt im Abschnitt über historische Geigen sind vielleicht eines der zentralen Zitate des Buches, worin übergreifende Darstellungen und Vermittlung von spezifischem Detailwissen sich immer wieder wechselseitig erhellen – ohne dass behauptet würde, auf alles eine Antwort zu haben. So bleibt die über allem schwebende Frage, wie denn nun die Alte Musik zu spielen sei, offen, was nur konsequent ist, denn das in der Musikgeschichte bereits oft versuchte Formulieren und Durchsetzen verbindlicher Regeln engt die künstlerische Freiheit ein, wenngleich das Brechen dieser Regeln im Gegenzug wieder neue Freiheiten schafft. Es bleibt spannend, und im Prinzip ist alles möglich.

 

„Inneres Feuer“ 

Möglichkeitsräume bieten zu können, ist aber auch von der wirtschaftlichen Situation der Musiker:innen und beteiligten Institutionen abhängig, und auf diesen – nicht zuletzt angesichts aktueller Kürzungsszenarien – heiklen Punkt wird in Kapitel V „Alte Musik im Musikleben“ eingegangen. Mélanie Froehly, die Geschäftsführerin des Kölner zamus, schildert die wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen, vor denen die ganz überwiegend freien Ensembles stehen, und zeigt Wege auf, wie der prekären finanziellen Lage vieler Musiker:innen begegnet werden könnte. Richard Lorber beschäftigt sich mit der Hochschulausbildung in Sachen Alte Musik. Und die Frage, „was eine künstlerische Persönlichkeit in der Alten Musik ausmacht“, beantwortet der Cembalist und Hochschullehrer Gerald Hambitzer wie folgt: „Ein überzeugendes Instrumentalspiel und eine gute Bühnenpräsenz. Dazu die Fähigkeit, kommunizieren zu können und das eigene innere Feuer immer am Brennen zu halten, wozu nicht nur gehört, die instrumentalen Fähigkeiten immer weiter zu schärfen, sondern auch das Interesse, sich mit neuen Entwicklungen zu beschäftigen.“

Von „innerem Feuer“ in der Auseinandersetzung mit der Alten Musik zeugen auch die Interviews mit herausragenden Protagonist:innen der Szene, die ihre persönlichen Sichtweisen, ihre reichen Erfahrungen und die Faszination an ihrem Metier darlegen. Auch hier wurde eine gute Auswahl aus älteren (etwa Gustav Leonhardt, Jordi Savall und Reinhard Goebel) und jüngeren Vertreter:innen (etwa Dorothee Oberlinger und Chouchane Siranossian) getroffen – und neben dem Erkenntnisgewinn, der aus diesen Gesprächen gezogen werden kann, untermauern diese, dass es vor allem die Initiativen, das Können und die Kreativität einzelner Menschen sind, die die Geschichte der Alten Musik schreiben und weiterführen. Auch dieses Buch, von Menschen für Menschen verfasst, leistet dazu einen gewichtigen Beitrag. 

Egbert Hiller

 

Angaben zur Veröffentlichung des Buches:
Richard Lorber (Hg.): Alte Musik heute. Geschichten und Perspektiven der historischen Aufführungspraxis. Ein Handbuch, Bärenreiter/Metzler, Kassel, Berlin und WDR Köln 2023, 413 Seiten, Euro 39,99

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