Musik in Köln
Ein Projekt des initiativkreises freie musik (ifm) …

Initiativkreis Freie Musik (IFM)

Zur Situation der frei improvisierten Musik in Köln

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Abstract: Ausgehend vom Freejazz der 1960er Jahre und verschiedenen Richtungen der Neuen Musik entwickelte sich in Europa und insbesondere in Köln die Frei Improvisierte Musik als eigenständige Musikrichtung. Es entstanden neue Präsentationsformen, Ensembles, Veranstaltungsorte und Organisationen, die immer schon ein hohes Maß an Idealismus erforderten, aber ohne eine systematische Reihen- und Festivalförderung und die dadurch gewährleistete Finanz- und Planungssicherheit in Zukunft kaum mehr fortzuführen sein werden.

Die Rolle Kölns für die Entwicklung der Frei Improvisierten Musik

Anfang der 1960er Jahre entstanden in verschieden europäischen Ländern (England, Niederlande, Belgien, Frankreich, Italien und Deutschland) emanzipatorische Gegenbewegungen zum Kulturimport afroamerikanischer Musik. Dank Unterstützung des WDR spielte dabei Köln eine herausragende Rolle. Hier entstanden die ersten großen Aufnahmen – damals noch eher am Freejazz orientiert: zum Beispiel 1966 „Globe Unity” von Alexander von Schlippenbach, eine der ersten deutschen Freejazz-Platten. Gerade der Freejazz, der die kurze aber bewegte Entwicklungsgeschichte des Jazz abschloss, bot jungen europäischen Musikern und Musikerinnen die Möglichkeit, eigene Wege zu verfolgen und so eigenständige Identitäten zu entwickeln.

Im Gegensatz zum Freejazz, der neben seiner afroamerikanischen Abstammung, hierarchische Strukturen (Solisten – Begleiter) und meist eine energetische Spielweise aufweist, ist die Frei Improvisierte Musik europäischen Ursprungs. In den USA wird sie daher als „European Style” bezeichnet. Als Klang- respektive Geräuscherzeuger ist dabei prinzipiell alles denkbar. So improvisiert etwa der Tscheche Martin Klapper mit Spielsachen. Die Vertreter dieser Ausrichtung orientieren sich sowohl an der Neuen Musik (beispielsweise an Anton Webern und der musique concrète) als auch an neuen Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts (etwa dem Futurismus, Konkretismus, Surrealismus usw.)

In der Aufbruchstimmung der 1960er Jahre lebte und wirkte in Köln unter anderem der Posaunist und Komponist Vinko Globokar (1968-76 als Professor an der Musikhochschule), der die Frei Improvisierte Musik wie folgt beschrieb: „Bei der freien Improvisation treffen sich Musiker verschiedener Herkunft auf der Basis wechselseitiger Toleranz (oder auch Intoleranz – es kommt auf dasselbe heraus). Sie zielen darauf ab, ein Gleichgewicht zwischen individueller Freiheit und reflektiertem gemeinsamem Bewusstsein herzustellen. Frei improvisierende Musiker können sich weder an veralteten Normen noch an Regeln individueller Art ausrichten. Beim Spielen entstehen wie von selbst gewisse Situationen, bestimmte Haltungen, Aktivitäten und Konstellationen, die – wenn sie redlich gewollt sind – äußerst kommunikativ sein können...” (Vinko Globokar: „Einatmen, Ausatmen”, Hofheim 1994)

Sowohl Komponisten wie Bernd Alois Zimmermann, Karlheinz Stockhausen, Mauricio Kagel, Johannes Fritsch und Walter Zimmermann als auch der Fluxus-Künstler Nam June Paik übten Einfluss auf die damaligen Musiker aus. Präsentationsorte waren neben dem „Päff Art Club” (Anfang der 1970er), das „Beginner Studio” (1977 bis 1984) sowie die Nachtmusiken des WDR. Anfang der 1990er organisierte Willy Kellers mehrere Festivals im „Fort Paul”.

Die heutige Situation

Heute kann man von einer rhizomartigen Veranstalter-Struktur sprechen. Außer der Arbeitsgemeinschaft Improvisierte Musik (AIM) und der Initiative Kölner Jazzhaus (IKJH) veranstalten eine Reihe von Einzelpersonen oder Personengruppen an verschiedenen Orten Konzerte, Festivals und Workshops mit Frei Improvisierter Musik, sowohl in bekannten Lokalitäten wie Loft und Stadtgarten als auch in neueren Räumlichkeiten wie der Galerie Haverkamp (seit 2009 PRAXIS Projektatelier Staab), dem Basement, Backhaus, Gebäude 9, der Wundertüte, Werft und weitere. In den vergangenen 15 Jahren wurden unter anderem folgende Projekte verwirklicht:

  • die „Jack Pohl”-Reihe mit Unterstützung des WDR im Stadtgarten
  • die „Nozart”-Festivals im „Basement”
  • die „Begegnungen” im „Loft”
  • das „Symposium Improvisierte Musik” im „Loft”
  • die Reihe „Rat Tomago” im „Gebäude 9”
  • die Reihe „Di Passaggio” in der „Werft”
  • das „Improvisiakum” in der „Rheinischen Musikschule”
  • die Reihe „Leitkultur” in der „Werft”
  • die Konzertserie im „Backhaus”
  • viele Einzelkonzerte in der „Galerie Haverkamp” (seit 2009 PRAXIS Projektatelier Staab)
  • das „Improvisatorium” in der „Wundertüte”
  • die Festivals „Der Gute Ton” im „Loft”
  • mehrere von Peter Wolf organisierte „KlangDrang”-Konzerte und -Festivals
  • die live-elektronischen Performances zu Filmen im „Café Journal”
  • der Schwerpunkt „Improvisation” bei der MusikTriennale Köln 2007
  • die „Labor”-Konzerte des „Zentrums Aktuelle Musik” (ZAM)
  • das erste Festival „Comprovise” 2009 des „Zentrums Aktuelle Musik” (ZAM)
  • sowie zahllose Einzelkonzerte in Loft, Stadtgarten, Alte Feuerwache, Altes Pfandhaus etc.

Da es sich bei der Improvisierten Musik um eine nicht-akademische Musikausrichtung handelt – in Musikschulen und Musikhochschulen werden eher kunsthandwerkliche Fähigkeiten vermittelt – sind gerade Konzerte und (inter)nationaler Austausch für die Musiker dieser Sparte wichtige Gelegenheiten, ihr künstlerisches und musikalisches Potential zu entfalten und weiterzuentwickeln – Stichwort „learning by doing”.

Von wenigen Ausnahmeveranstaltungen wie umfangreichere Festivals abgesehen, können bei den meisten Konzerten gerade eben die Betriebskosten (GEMA, Anfahrt, Übernachtung, Büro etc.) gedeckt werden. Ohne das unbezahlte und ausdauernde Engagement vieler Enthusiasten wären sie nie zu realisieren. Um eine vernünftige Basisarbeit leisten zu können, ist eine Reihenförderung notwendig, wie sie bislang zum Beispiel mit dem „Experimentierfeld Neue Musik” (bis 2008) und seit 2009 mit der „reiheM” im Bereich der Neuen Musik erfolgt. Auch durch Festivalförderung kann diese Szene wesentlich unterstützt und gefestigt werden, indem sie finanzielle Planungssicherheit und Zukunftsperspektiven erhält.

Das alleinige Unterordnen von Musik unter betriebswirtschaftliche Parameter bedeutet das Ende jeglicher Weiterentwicklung. Das Kriterium der Verkaufbarkeit der Ware Musik ist ein Filter, der von vornherein jedes Wagnis vereitelt, sei es künstlerischer oder veranstalterischer Art. Stattdessen wird so Anpassung und Opportunismus gefördert. Aber, wie Arnold Schönberg sagte: „Kunst kommt von Müssen, nicht von Können!”. Das Schielen nach großen Zuhörerzahlen kann zwar zu gut besuchten Veranstaltungen führen, bietet aber keine ausreichende Basis für junge Musiker und Musikerinnen, sich in Köln dauerhaft als attraktive Wohn- und Arbeitsstätte niederzulassen. Wer Spitzenleistungen erwartet, muss auch die dafür nötige Infrastruktur bereitstellen.

Joachim Zoepf (Arbeitsgemeinschaft Improvisierte Musik)

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